Big Nothing

Höhere Wesen , der blinde Fleck und das Erhabene in der zeitgenössischen Kunst

27.1.2001 – 18.3.2001

Als erster Teil der Trilogie "Du sollst Dir ein Bild machen – Die fremden Ebenbilder des Menschen in der Kunst" widmet sich die Ausstellung den jenseitigen Ebenbildern des Menschen. Künstler inszenieren das real nicht Vorhandene: seien es nun "höhere Wesen", Gott, der Kosmos oder die vage Empfindung eines Nichts. Der Riss, die Wunde, die Spaltung, der Bruch bringen Anderes zur Sprache, das zugleich die eigene Welt spiegelt. Ausgehend von der Aktualität dieser Themenstellung zu Beginn des Jahres 2001 zeigt die Ausstellung Werke von der klassischen Abstraktion über Surrealismus, die 2. Avantgarde, Zerstörungskunst und Pop Art bis zu jüngsten künstlerischen Positionen.
Zur Ausstellung erscheint ein Katalogbuch, herausgegeben von Matthias Winzen und Johannes Bilstein, das alle Werke der Ausstellung mit Abbildungen und Kurzbeschreibungen vorstellt; mit Essays und Texten von Meike Baader, Johannes Bilstein, Hannes Böhringer, Diana Ebster, Fritz Emslander, Ludger Lütkehaus, Rolf Parr, Gabriele Sorgo, Dirk Teuber, Gerburg Treusch-Dieter und Matthias Winzen (ca. 240 Seiten, in der Ausstellung DM 38,- / Buchhandelsausgabe im Oktagon Verlag Köln DM 48,-).

Gott und das Nichts
Die An- oder Abwesenheit des Göttlichen ist seit jeher ein Zentralthema der Kunst und elementar für das Selbstverständnis des Menschen. Wenn aber für nichtig erklärt wird, was einst hinter dem religiösen Bilderverbot dem Blick verborgen war? Mit der durch die Säkularisation hervorgebrachten Leere wird der Kunstbetrachter seit der klassischen Abstraktion zu Beginn des 20. Jahrhunderts konfrontiert.
Immer wieder kommt es mit fortschreitender Autonomisierung der Kunst, ihrer Entledigung von Abbildlichkeit und Tradition, zum "Ende aller Kunst" – auf das jedoch jüngere Künstler stets mit Ironie, Bildersturm und zirkulären Bedeutungsstrategien reagieren. Für Künstler gehört es seit je zur täglichen Arbeit, Abwesendes bildlich anwesend erscheinen zu lassen. Bei aller historischen Wechselhaftigkeit von Jenseitsvorstellungen ließen sie sich nicht davon abhalten, sich in ihren Werken mit Gott und dem Nichts auseinanderzusetzen.

Nichts: Die Strategien der Künstler
Im 20. Jahrhundert lassen sich vielfältige Strategien der künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Nichts beobachten. Während einige Avantgardisten, etwa Kasimir Malewitsch, nach dem Ende der herkömmlichen Gegenstandsabbildung einen radikalen Neuanfang, eine Schöpfung aus dem Nichts, postulieren, versuchen andere über die Bereinigung der sichtbaren Welt von allem Oberflächlich-Konkreten zu einer neuen Ordnung des Bildraums zu gelangen. Piet Mondrian etwa sah seine künstlerische Programmatik im Einklang mit allgemeinen Tendenzen: "Das Leben des heutigen Kulturmenschen wendet sich mehr und mehr vom Natürlichen ab; es wird immer mehr abstraktes Leben" (1917). Als Abgrund, Loch oder Sog wird die Leere im Surrealismus wiederum psychologisiert, sexualisiert und in der Folge motivisch vielfach variiert.
Die zweite Avantgarde verliert nach der historischen Erfahrung hochtechnisierter Massenvernichtung im Zweiten Weltkrieg jegliches Vertrauen auf Jenseitsprojektionen oder jenseits der innerweltlichen Existenz angesiedelte Utopien. Damit wird auch der Kunst die Möglichkeit genommen, über sich hinaus auf ein Göttliches zu verweisen. Den traditionellen Träger der Bedeutungsillusion, die Leinwand selber, attackiert nun Lucio Fontana mit gezielten Schnitten, Gustav Metzger zerstört ihn mit säuregetränkten Pinseln. In der Abwendung von elitären, "höheren" Begründungen für künstlerisches Arbeiten entdecken die Künstler der Pop Art den Alltag als ihr Thema und setzen hintersinnig die Leerstellen, Nichtigkeiten und Abgründe des banalen Lebens ins Bild.

Du sollst dir ein Bild machen
TRILOGIE 2001/02
Wer bin ich? Die Selbstbefragung des Menschen ist ein altes und gleichwohl sehr aktuelles Thema, das nicht nur theoretisch / wissenschaftlich erörtert, sondern auch von jeher in der Kunst in Bilder gefasst wurde. Wenn wir uns unserer selbst genauer versichern wollen, dann wenden wir uns traditionellerweise Themen oder Gegenständen zu, die einerseits dem eigenen Menschlichen ähnlich sind, andererseits verschieden genug, um uns als Gegenüber zu dienen. Das Menschliche spiegelt sich in seinen metaphysischen, maschinalen oder animalischen Nachbarfeldern. Die Bildende Kunst hat sich mit allen drei Gegenständen intensiv befasst, d.h. der gottnahen oder -fernen Metaphysik, der Technologie am Beispiel der Alltagsmaschine Auto und dem Tier. Von diesen fremden Ebenbildern handelt die Ausstellungstrilogie "Du sollst Dir ein Bild machen".