Gegen den Strich

Neue Formen der Zeichnung

16.7.2004 – 26.9.2004

Die Ausstellung »Gegen den Strich« präsentiert zum ersten Mal einen Überblick über die neuen Formen der Zeichnung von den 1990er Jahren bis heute. Immer häufiger übersteigen Zeichnungen heute die Erwartungen an klassische Formate und Präsentationsformen. Eine junge Generation von Künstlern kämmt eine lange in der akademischen Praxis verfangene Gattung ‚Gegen den Strich’. 
Aktuelle Positionen bauen auf der Ausweitung des Zeichnungsbegriffs durch die Minimal Art und Konzeptkunst der 60er Jahre auf, um die Zeichnung nun auf sämtliche Gattungen und Medien übergreifen zu lassen und souverän mit diesen zu spielen. Bei all ihrer Expansion, lässt sich ein Grundanliegen heutiger Zeichnung erkennen. Ob mit Stift und Papier oder mittels Fotografie, umgesetzt in Videoarbeiten oder Installationen, gestochen oder perforiert, in der Demontage eines dreidimensionalen Körpers oder als Schnitt durch die Zeit: Als Eingriff in ein intaktes Ganzes erschließt die Zeichnung Blicke auf die Innen- und Kehrseiten der Personen und Dinge, an denen sie ansetzt. 
Die Karriere, die die Zeichnung historisch als Werkzeug der Naturnachahmung begonnen hat, setzt sie als Instrument der Erforschung des unter der sichtbaren Oberfläche der Dinge Verborgenen fort. Die Ausstellung präsentiert zum ersten Mal einen Überblick über neue Formen des Mediums Zeichnung in seinen vielfältigen Korrespondenzen mit Installation und Skulptur, Video, Film und Fotografie, Aktions- und Konzeptkunst sowie Environment. Sie zeigt, wie sich die Zeichnung aus ihrer bloßen Hilfs- und Vorläuferfunktion befreit und sich zum Impulsgeber und Reflexionsmedium in anderen Bereichen der bildenden Kunst entwickelt hat.

In der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden knüpft »Gegen den Strich« an die Zeichnungsausstellungen des Hauses an (»Drawing Now«, 1976, »Räume heutiger Zeichnung«, 1985, »Zeichnung und Raum«, 1994, und »(In Search of) The Perfect Lover«, 2003) und führt so die Auseinandersetzung mit innovativen Entwicklungen in der Präsentation neuester zeichnerischer Positionen aktuell fort. Zugleich ist »Gegen den Strich« die dritte Kooperation von Siemens Arts Program und Staatlicher Kunsthalle in wenigen Jahren, nach »Daumenwolle. Richard Artschwager – Birgit Werres« und »Die verletzte Diva. Hysterie, Körper, Technik in der Kunst des 20. Jahrhunderts« im Jahr 2000.
Katalog: Zur Ausstellung erscheint ein Katalog mit Essays von Fritz Emslander, Markus Heinzelmann, Johannes Meinhardt und Gabriele Sand sowie Texten zu den Künstlern und Künstlerinnen von Andreas Bee, Martina Dobbe, Fritz Emslander, Martin Engler, Nicole Fritz, Markus Heinzelmann, Karin Herbert, Oliver Kornhoff, Simon Maurer, Michaela Melián, Gabriele Sand, Raimar Stange und Dirk Teuber, Verlag für moderne Kunst Nürnberg, 160 Seiten mit ca. 105 Abb., davon 85 in Farbe, € 22,-, ISBN 3-936711-29-1.

Erweiterung der Zeichung in den Raum
Peter Pommerer verwandelt nüchterne Ausstellungsräume mit seinen Wandarbeiten in Zeichenkammern von magischer Dichte. Mit Fäden oder Klebebändern erweiternöffnen Heike Weber und Nic Hess den realen Raum umfür neue, imaginäre Dimensionen. Jochen Flinzer entspinnt mit seinen gestickten und zu appliziert seine Stickereien auf offene, Paravents gefügten Zeichnungen und entspinnt auf diese Weise ein vielfältiges Wechselspiel zwischen Vorder- und Rückseite, Text, Figuration und Abstraktion. Stefan Sous demontiert mit dem Geschick eines Monteurs technische Geräte, um sie sodann mit den Augen eines Zeichners in dreidimensionale Installationen zu überführen. Jorge Pardos so genannte Zeichnungen scheinen nach Plan gebastelte planmäßig ausgeführte Möbel zu sein. Bei genauerem Hinsehen erweisen sich die Artefakte aber als diskursive Objekte, die Fragen nach der Handschriftlichkeit, Originalität oder Autorschaft von Zeichnungen aufwerfen. 
Bedarf es denn unbedingt der Augen beim Zeichnen? Claude Heath, einer der in der Ausstellung »Gegen den Strich« vertretenen Künstler, würde mit dem Hinweis auf die im Laufe des 20. Jahrhunderts erforschten Qualitäten eines ‚inneren Auges‘, auf eine mögliche Öffnung des Prozesses der Visualisierung, also mit „Nein“ antworten. Heath erforscht in seinen mehrdimensionalen, gefalteten Zeichnungen die Paradoxien der Wahrnehmung.

Bewegung und Prozessualität
Bei Jeppe Heins »360° Presence« bricht hin und wieder eine Metallkugel mit Gewalt in den Mauerverbund ein. Die entstehenden Löcher unterbrechen eine ansonsten kontinuierlich gezogene und erst all mählich durch den Abrieb des Metalls an den Wänden sich formierende Linie. 
Auch in anderen Arbeiten wird die Zeichnung in Bewegung und Prozessualität überführt. Michaela Melián projiziert Dias von genähten Zeichnungen mit kreisenden Projektoren auf eine panoramatische Leinwand. Blatt für Blatt hat Katharina Hinsberg einen Strich durchgepaust, dessen Verwerfungen an den Kanten des aufgestapelten Papiers ablesbar werden: eine Erweiterung der Zeichnung zur konzeptuellen Skulptur. Zeichnung bedeutet in vielen künstlerischen Arbeiten im körperlichen Sinne „gezeichnet sein“. Dies zeigt sich auch in den gestanzten ‚Tattoos’, die Daniele Buetti in Fotografien von Models einarbeitet. Santiago Sierras Werk auf die Haut von bezahlten Personen tätowierte Linien wiederum sind nicht nur Kommentar und Kritik an kapitalistischen Verwertungsmechanismen, sondern auch an den Konventionen des Kunstbetriebs. Peter Friedl hat eine Retrospektive des eigenen zeichnerischen Werks aus seiner frühen Kindheit bis heute zusammengestellt, die nach streng musealen Prinzipien präsentiert wird.

Zeichnung und Film
Mit Jonathan Monks´ Laser-Zeichnung, deren flüchtige Spur sich erst im Kopf zu einem Ganzen zusammensetzt sowie mit Arbeiten aus dem Bereich zwischen Zeichnung und Film von Francis Alÿs (Zeichentrick / Videoinstallation), Rachel Lowe (Video), und Alexander Roob (Reportage-Zeichnung) dokumentiert die Ausstellung »Gegen den Strich« die intellektuelle Schärfe und erzählerische Kraft des Mediums Zeichnung in der zeitgenössischen Kunst. In den aktuellen Positionen zur Zeichnung wird diese Offenheit des Mediums als selbstverständliche Grundlage der künstlerischen Arbeit vorausgesetzt. Anders als in der Vergangenheit ist die dogmatische Aufspaltung in Abstraktion und Konzeptualität auf der einen Seite sowie Gegenständlichkeit und Erzählfreude auf der anderen Seite aufgehoben. Narration und Konzeptualität durchdringen sich heute auf unterschiedlichste Weise.