Stephan Balkenhol

15.7.2006 – 17.9.2006

»Meine Skulpturen erzählen keine Geschichten. In ihnen versteckt sich etwas Geheimnisvolles. Es ist nicht meine Aufgabe, es zu enthüllen, sondern die des Zuschauers, es zu entdecken.« (Stephan Balkenhol)

Stephan Balkenhol (geb. 1957) gehört zu den wegweisenden deutschen Bildhauern, die auch international in den letzten beiden Jahrzehnten wichtige Impulse gesetzt haben. In einer umfassenden Werkschau widmet sich die Staatliche Kunsthalle Baden-Baden dem Oeuvre des seit 1992 an der Kunstakademie Karlsruhe lehrenden Bildhauers. Dabei tritt Balkenhols umfassendes handwerkliches Können ebenso wie die Vielgestaltigkeit seiner geistes- und kulturgeschichtlichen Bezugnahmen ins Blickfeld. Die menschliche Gestalt, den Kopf, Tiere und auch Architektur wählt Balkenhol als Motive für seine Skulpturen, Reliefs, Siebdrucke und Zeichnungen.

In gewisser Hinsicht ist Balkenhols künstlerischer Ansatz eine Antwort auf die minimalistischen Strategien Ulrich Rückriems, der in den Jahren 1976 bis 1982 sein Lehrer an der Hamburger Hochschule für Bildende Künste war. Seit den frühen 1980er Jahren erkundet Stephan Balkenhol, was in der aktualisierenden Auseinandersetzung mit der Tradition der klassischen Skulptur durch ein statuarisches Bildwerk heute gezeigt, empfunden, gesehen werden kann.

Die von Matthias Winzen kuratierte Ausstellung entsteht in enger Zusammenarbeit mit Stephan Balkenhol. Im Snoeck–Verlag Köln erscheint ein Katalog, der das vielfältige Werk von Stephan Balkenhol erstmals in diesem Umfang dokumentiert (dt./engl., 304 S., über 350 Farbabbildungen, 38 €, ISBN 3-936859-46-9).

Die Gestalt des Menschen steht im Mittelpunkt des Werkes von Stephan Balkenhol. Er schlägt seine Figuren mit dem Beitel aus einem Baumstamm. Werkzeugspuren, Astansätze und Risse bleiben sichtbar. Die Figuren erscheinen persönlich und anonym zugleich. Geste, Körperhaltung und Gesichtsausdruck suggerieren sowohl innere Distanz als auch eine aufmerksam offene Zugewandtheit auf den Betrachter hin. Balkenhols Figuren sind keine expressiven »Geschichtenerzähler«. Vielmehr scheint er nach einem Konzentrat der menschlichen Physiognomie und Erscheinung zu suchen: »Ich will keine geschwätzigen, expressiven, ausdrucksstarken Figuren. Deshalb suche ich nach dem offenen Ausdruck, von dem aus alle Zustände möglich sind.« Die Offenheit seiner Figuren, der weitgehende Verzicht auf Gesten und auf einen erzählerischen Zusammenhang, markieren eine Gegenposition zur bewusst gegenwartsbezogenen oder illustrativen Figuration, die einen Einzelaspekt zwar thematisiert, zugleich jedoch in einer Art Momentaufnahme alle Deutungsvielfalt einschränkt.

Diese Form der fremden Nähe macht die Freiheit und die freie Zugänglichkeit des Werkes von Stephan Balkenhol aus. Mit der Hinwendung an die Themen des alltäglichen Lebens hat er durch seine Skulpturen, Reliefs und raumgreifenden Installationen neue ästhetische Dimensionen – auch im öffentlichen Raum und im Kontext der Architektur – erschlossen und damit der Skulptur der Gegenwart neue Optionen eröffnet.

Neben den Skulpturen und Reliefs, die sich der menschlichen Figur, dem Tier, mythischen Motiven und der Architektur widmen, werden die vielseitigen, oft weniger bekannten Facetten seines bildhauerischen Werkes zusammen mit Zeichnungen und Siebdrucken ausgestellt. Ein beeindruckender Höhepunkt der Ausstellung ist die 4,60 Meter große Bronzefigur des »Ikarus«, die für die Ausstellung in Baden-Baden entstand und erstmals gezeigt wird.