Tiefenschärfe

Bilder Menschen aus den Fotosammlungen des Institut d’Art Contemporain – Frac Rhône-Alpes, Villeurbanne/Lyon und des Musée d’Art Moderne de Saint-Etienne Métropole

13.5.2006 – 02.7.2006

Mit den beiden Sammlungen des Institut d'art contemporain - Collection Rhône-Alpes in Villeurbanne/Lyon und des Musée d'art moderne in Saint-Étienne Métropole befinden sich in der Region Rhône-Alpes herausragende Bestände an historischen und zeitgenössischen Fotografien, die zu Unrecht außerhalb Frankreichs kaum bekannt sind. Die Ausstellung bietet einen thematischen Querschnitt durch die Sammlungen, der zahlreiche Schlüsselwerke der Fotografiegeschichte präsentiert: fotografische Bilder von Menschen in ihrem Lebensumfeld.

Der fototechnische Begriff der „Tiefenschärfe“ bezeichnet die Ausdehnung des Schärfenbereichs in die Tiefe des Bildes. Ein tiefenscharfes Foto bezieht eine Person auf den sie umgebenden Raum. Wohn- oder Arbeitsumfeld geraten in den Blick und werden implizit oder explizit thematisiert. Anders als der Paparazzo auf Jagd, in dessen oberflächlichen Abziehbildern sich das Subjekt verflüchtigt, nähert sich der Fotograf in der Tradition der teilnehmenden Beobachtung behutsam seinem Gegenüber, um in seinen Bildern in die sozialen und psychologischen Tiefendimensionen der Persönlichkeit vorzudringen.

In Folge der orientalistischen Fotografen des 19. Jahrhunderts (Carlo Naya, Adrien Bonfils), deren Aufnahmen noch von der Praxis des inszenierten Studioporträts geprägt sind, geben Reisefotografien des frühen 20. Jahrhunderts subtile Einblicke in fremder Menschen Häuser und Kulturen (Cecil Beaton, Nicolás Muller, Raoul Hausmann). Die Entwicklung von immer kleineren Kameras und Spezialobjektiven erlaubt es zunehmend, den Raum der Straße in seiner Tiefe und Weite - als Ort des Flanierens und des Arbeitens, zu Hause und in der Fremde - zu durchmessen. So konfrontiert die Straßenfotografie seit den 1860er Jahren (John Thomson) den Betrachter mit dem „anderen“ Menschen von nebenan: mit Farbigen in den sozial schwachen Vierteln New Yorks um 1940 (Helen Levitt) oder mit einfachen Arbeitern im London der 1950er Jahre (Nigel Henderson). Unter dem wegweisenden Einfluss von Walker Evans zeigt die straight photography seit den 1950er Jahren in dokumentierenden Studien den Alltag der amerikanischen Mittelschicht (William Eggleston), Menschen bei der Arbeit (Lee Friedlander) oder in ihrem schicht- oder national-typischen (Freizeit)Verhalten (Robert Frank, Tony Ray-Jones).

Gegenüber diesen vorwiegend anonymen Porträts setzt sich in den 1980er Jahren eine subjektivierte Sicht durch. Teils zu (Bild)Essays gruppiert, beleuchten fotografische Studien soziale Milieus, aus denen die Fotografen selbst stammen und/oder mit denen sie sich intensiv auseinander- und in sie hinein versetzen: So fotografiert Larry Clark eine Clique von Drogenabhängigen und Waffennarren in seiner Heimatstadt Tulsa in der amerikanischen Provinz; Jean-Louis Schoellkopf gewährt uns Einblicke in die Wohnungen der Bürger einer französischen Industriestadt; Robert Adams stellt in seinen Fotografien die Frage nach dem alltäglichen (Weiter)Leben im Schatten einer amerikanischen Plutoniumanlage; Patrick Faigenbaum konfrontiert Vergangenheit und Gegenwart in seinen Porträts römischer Adliger in ihren Palästen, während Thomas Struth die sozialen Reservate der bourgeoisen Mittel- und Oberschicht untersucht. Mit der Erweiterung des Fokus auf die privaten oder öffentlichen Lebensräume erschließen sich hier ganz andere Seiten des Menschen, als es im künstlichen Rahmen und in der standardisierten Aufnahmepraxis der Ateliers möglich wäre.